KLANGSPUREN SCHWAZ

BAHUS KOLUMMNE

Klangspuren

Die Tiroler Lyrikerin und Schriftstellerin Barbara Hundegger schreibt seit Mai 2006 die Kolummne BAHUs FÜHLbar DENKbar in der Spuren – Zeitung für Gegenwärtige der KLANGSPUREN. In ihren Kolummnen setzt sich Barbara Hundegger mit sozial-, gesellschafts und kulturpolitischen Themen auseinander. Hier können Sie sie nachlesen:

BAHUs FÜHLbar DENKbar in Spuren – Musikzeitung für Gegenwart Mai 2014

NORDLICHT DER POESIE

 

 

Man kann ja schlecht im Vorhinein sagen, ob etwas was wird oder nicht – aber soviel darf behauptet werden: Dieses Jahr haben die KLANGSPUREN ihren wohl am direktesten ins Poetische weisenden Titel aller Zeiten – „Nordlicht“. Und ein solches ist mir vor Jahren in einer dunklen Tiroler Stube aufgegangen.

 

Es wird im Herbst 1995 gewesen sein, vermutlich späterer Nachmittag, sicher bei den „Innsbrucker Wochenendgesprächen“, und es war im pseudo-rustikalen Gastraum eines hiesigen Gasthauses – als ich diese Texte, diese Stimme, die Stimmung, die sie erzeugten, die gesamte Erscheinung dieser Frau zum ersten Mal sah und hörte und darüber in eine tiefe Bewunderung geriet, die bis heute anhält.

 

„1 – Die Aprikosenbäume gibt es, die Aprikosenbäume gibt es // 2 – Die Farne gibt es; und Brombeeren / und Brom gibt es; und den Wasserstoff, den Wasserstoff // ...“ So begann sie ihr Lesen und beginnt ihr (neben „det/das“) wohl berühmtestes Werk: „Alphabet“, ein Großgedicht, gebaut nach der Fibonacci-Reihe, der mathematischen Formel für Wachstum: 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21 usw. – die je folgende Zahl wird aus der Addition der beiden vorherigen generiert. „A“ ist also eine Zeile lang, „N“, wo der Text endet, 610 Zeilen. Denn bei „Z“ wären an die 200.000 Zeilen nötig – und das ist wohl jenseits menschlicher Machbarkeit ...

 

Wie aus so viel Plan der „Geheimniszustand“ von Lyrik entsteht, bricht mit allen gängigen lyrischen Klischees: Denn es gibt in der Flut von Gedichten nicht viele, die an sich selbst einlösen, was die Lyrik ihrem Ursprung nach ist – eine Geistersprache, die zwischen dem Menschen und den Dingen/Fragen/Lagen usw. mittels Wörtern (v)ermittelt und so den Geist einer Sache und nicht nur die Sache selbst enthält. Dieses historische Echo und die Kraft seiner Wirkung sind nach wie vor da. Dass dieser „Geheimniszustand“ nicht durch Geheimniskrämerei, Intuition oder rotwein-affine Gedicht-Gestimmtheit usw. entsteht, sondern durch allergrößte Genauigkeit, Arbeit und sprachnahe Materialkenntnis, dafür ist dieses Werk blendender Beweis. Und lässt dabei auch dem Zufall seinen Platz: „... die Welt ist eine weiße Bäckerei, / wo wir zu früh erwachen / und zu spät träumen / und wo Ströme aus rohen / und unbenutzten Gedanken / der Wahrheit am nächsten kommen, / lange bevor sie gedacht werden.“ Weil man „in der Dichtung gezwungen ist, die Sprache in ihrer ganzen Verbundenheit mit der Wirklichkeit zu benutzen. Diese Verbundenheit ... ist ein Mysterium. Sie ist es, worin die Poesie eintreten muss“, damit „nicht bloß Gedanken zum Ausdruck kommen, sondern auch die Wirklichkeit selber“. Denn „wenn das Gedicht gut ist, haben die Worte so viel Energie, dass auch die schwersten Themen schweben können“. Während „ein Gedicht, das allzu gewöhnlich ist, nichts anderes enthält als die eigene Erlebnisweise des Dichters“. Und dass man als Dichter/Dichterin „lernen muss, die Präpositionen zu lieben, weil nämlich sie, fast unsichtbar, wie sie sind, das Bewusstsein in derselben Art von Bewegung halten wie die Welt“, weiß diese Dichterin auch, die in ihren Essays und Aufsätzen, die sie neben Romanen, Hörspielen usw. geschaffen hat, auch großartig über das Schreiben (von Gedichten) geschrieben hat: ein Schatz für die Ewigkeit.

 

Während draußen das Licht weniger wurde, dämmrig, diffus, wurde es in der Stube immer heller, leuchtender, bewirkt von Wörtern und Sätzen und der Art, wie diese vorgelesen wurden – eine Erinnerung für die Ewigkeit.

 

Als schließlich wer die Lampen einschaltete, war es dunkler als zuvor: „Da stürzt plötzlich / das Licht herein / und versteckt uns ganz“.

 

Der Name der Dichterin: Inger Christensen (1935–2009), dänische Schriftstellerin von Weltrang. Ihr „Stoff“: „das ganze Relationsnetz zwischen allen existierenden Phänomenen“. Ihr An-Satz: Dichten als Auffinden, nicht Erfinden. Denn in der Sprache ist alles schon da – auch „das schwindelerregende waagrechte Wissen des Weizenfeldes“.

BAHUs FÜHLbar DENKbar in Spuren – Musikzeitung für Gegenwart Mai 2013

KUNST-KLAGEMAUER

 

Was 2008 ein ganzer ministeriell erstellter „Bericht zur sozialen Lage der Künstler und Künstlerinnen in Österreich“ (von dem hier anno dazumal bereits die Rede war) nicht vermochte, hat nun die österreichische Mezzo-Sopranistin Elisabeth Kulman geschafft, indem sie sich mit den Klagen von KünstlerInnen auf der Facebook-Seite „Die traurigsten und unverschämtesten Künstlergagen & Auditionserlebnisse“ solidarisiert, mehrere Interviews gegeben und auch ihre Homepage zur Weiterführung der wie eine Lawine niedergehenden Debatte geöffnet hat: Endlich findet eine Auseinandersetzung mit dem chronisch erzwungenen und fix ins Kunstsystem eingebauten Prekariat derer, ohne die es Kunst nicht gäbe, das der Künstler und Künstlerinnen, statt (s. Initiative: „art but fair“).

 

Ausgelöst durch die Streichung der Probenpauschalen bei den Salzburger Festspielen – was bedeutet, dass die Bezahlung von Proben, Hotelkosten und Spesen während der Probenzeit gestrichen wurde und nur durch die Vorstellungen gewährleistet bleibt, und das wiederum hieße, dass falls da wer krank würde, stiege er oder sie leer aus, trotz mehrwöchiger Arbeit, und bliebe auf den Rechnungen sitzen –, hat Kulman ihre Stimme für viele erhoben und angesichts der Fülle von Missständen zu Ungunsten der KünstlerInnen auf allen Ebenen folgerichtig in einem ORF-Interview gesagt: „Der Fisch stinkt vom Kopf.“ Und er stinkt bis ganz unten.

 

Stundenlöhne, die das Wort „Lohn“ nicht wert sind, sondern grotesk; Lokale, die ihr Programm mit Umsonst-Auftrittsmöglichkeiten bestreiten; ganze Stadtfeste, die sogar damit werben, dass alle teilnehmenden KünstlerInnen gratis auftreten, während aber OrganisatorInnen, KellnerInnen, Ordnerdienste usw. natürlich ihren Lohn bekommen; herablassende Tonfälle von gutbezahlten Verantwortlichen und VermarkterInnen von Kunst; enormer Konkurrenzdruck und zersetzende Dumpingkriege der KünstlerInnen gegeneinander; keinerlei existenzielle Absicherung usw. – solches prägt das Leben der meisten KünstlerInnen schon mehr als das Erarbeiten von Kunst.

 

Wie unter diesen Bedingungen künstlerische Hochleistungen zustande kommen sollen, bleibt allseits unbeantwortet – und als Frage zunehmend bewusst ausgespart: denn das klaglose Einordnen in marktwirtschaftliche Logiken und das Unterordnen künstlerischer Ansprüche unter die Erfordernisse eines möglichst friktionsfreien Verhältnisses zu sogenannten „Sponsoren“ zählt in der Praxis oft mehr als die künstlerische Qualität.

 

Zum Themenkreis künstlerischen Prekariats gehören aber auch die Debatte um Festplattenabgabe und Urheberrechtsschutz im Internet (s. Initiative: „Kunst hat Recht“), die an Künstler-Lebensrealitäten vorbei konzipierte österreichische Sozialversicherungssituation (s. Initiative: „Amici della SVA“), der Geschlechtergraben bei den künstlerischen Einkommen usw.

 

Oder so skurrile Auflagen wie jene, welche die Kulturabteilung des Landes eingeführt hat: denn beim Land Tirol dürfen keine „Eigenhonorare“ verrechnet werden, was bedeutet, dass ein/e Einzelkünstler/in den Aufwand, den er oder sie hatte, um etwa Konzerte, Lesungen, Projekte usw. zu konzipieren / zu organisieren, im Subventionsansuchen nicht geltend machen und also nicht verrechnen kann – außer er oder sie gründet einen Verein. Weil bei einem Verein geht das. Und im Sozialbereich geht es mittels eines „Leistungsblattes“ für Einzelpersonen ja auch. Aber nur für „tki open“ wurde eine Ausnahme zugebilligt – EinzelkünstlerInnen & KulturarbeiterInnen werden so amtlicherseits weiter in die Selbstausbeutung gedrängt.

 

Da passt es auch gut, dass dieser Tage eine schlichte Postkarte, darauf nur die Zahl „63,69“ in Umlauf kam: Der Schriftsteller Bernhard Kathan hat, weil „sich in der letzten Zeit Tode von Freunden, unter ihnen vor allem Schriftsteller und Künstler“, gehäuft hätten, „anhand der Liste der verstorbenen Mitglieder der Grazer AutorInnenversammlung die durchschnittliche Lebenserwartung“ von SchriftstellerInnen errechnet: „Diese liegt im Augenblick bei 63,69 Jahren, also deutlich unter jener der Gesamtbevölkerung, die bei Männern 75,5 und bei Frauen 81,5 Jahre beträgt.“ (s. www.hiddenmuseum.net)

 


Und Kathan sagt auch: „An die gegenwärtige Pensionsdebatte denkend, möchte man sagen, werdet alle Autoren und die Pensionsfrage ist gelöst.“ 

BAHUs FÜHLbar DENKbar in Spuren – Musikzeitung für Gegenwart Mai 2012

DAS AUGENBRAUEN-DING



Man fährt ja immer wieder einmal so herum in der Gegend ... Wenn auch nur mehr selten um des In-der-Gegend-Herumfahrens willen, um auf eine Art still und glücklich das Durch-die-Landschaft-Schweben ziellosen Autofahrens zu genießen – dazu ist die Zeit zu punktgenau verplant, der Verkehr zu stau-riskant, der Sprit zu Meist also: Dienstreisen, Berufsfahrten. Um denen den Hauch eines Genusses zu geben, trachtet man tunlichst, ihnen höheren Sinn durch Umwege, Beiwege, Zwischenstationen zu gönnen, um der Kälte der Pflicht die Wärme einer Kür hinzuzufügen ...
Probate Mittel: besondere Routen, besondere Strecken, besondere Flecken, Sonnenplätze, Wasserflächen usw. – und: Kunst.

 

Zum Beispiel Wien, Westbahnstraße, Galerie WestLicht: „Power Platon – zwischen Mythos und Menschlichkeit: Die Staatsoberhäupter der Welt im Portrait“. Im Auftrag der Zeitschrift „New Yorker“ hat der britisch-griechische Fotograf Platon Antoniou im September 2009 während der Hauptversammlung der Vereinten Nationen in New York eine große politische Porträt-Reihe gemacht: über 100 Staats- und Regierungschefs hat er in nur fünf Tagen in einem improvisierten Studio im UNO-Gebäude fotografiert – „Gesichter der Macht“ nennt sich die Serie, die dabei und dann groß herausgekommen ist.

 

Weil: Wer sich da aller – frontal und überlebensgroß – vor der Linse versammelt hat! Von einem versiert-verschmitzten Berlusconi über einen fast durchscheinenden Putin bis zu einem breiter als breit lachenden Zuma, von einem halb-schamanischen Chavez über einen mehr-als-halb-resignierten Abbas bis zu einem schon deutlich-mehr-als-halb-entrückten Gaddafi (jetzt: ganz), von einem irgendwie sanft dreinblickenden Ahmadinejad über einen irgendwie heftig mageren Obama bis zu einem irgendwie erhabeneren Zielen entgegenblickenden Zapatero ... Diesen Effekt der Erhabenheit ziehen etliche der Fotos auch aus einer ihnen eingebauten strahlenden Aura, die von Hellweiß in ein Stahlblau verläuft und die Abgelichteten wie von hinten umgibt – ein Stilmittel, das auch die Heiligen-Abbildung kennt und das der Fotograf auch bei anderen Serien verwendet (wobei sein Interesse sehr diversen Größen aus Sport, Film, Mode, Musik usw. zu gelten scheint – siehe: www.platonphoto.com). Andere Fotos der Power-Platon-Serie wiederum haben mehr mit erkennungsdienstlichen Fahndungskarteien als mit Heiligenverehrung gemein ... „Erstaunlich und von großer Intensität“ sind sie, diese Fotos – ja, das stimmt. Aber die mit der Ausstellung mitgelieferten Bedeutungshintergründe erschließen sich nur teilweise – denn dass sie „den Mythos hinterfragen“, demgemäß „ein Gesicht und sein fotografisches Abbild das wahre Wesen eines Menschen offenbaren“, dem widerspricht die Form der Sache selbst: Fotos, die so groß, so gestochen scharf, so porentief in Szene gesetzt daherkommen wie diese, mit einer solchen Vehemenz im Auftritt, hinterfragen nicht, sondern stellen entgegen der eigenen Ansage naturgemäß einen Anspruch auf einen Augenblick höherer Wahrheit. Aber: welcher? Es „stehen Demokraten neben Diktatoren, Friedensaktivisten neben Schreckensherrschern“, und O-Ton Platon: „Auf eine gewisse Weise behandle ich sie alle demokratisch, meine Art zu fotografieren vereint sie: die Guten, die Schlechten, die Mächtigen, die Schwachen – alle durcheinander. Das sind die Zeiten, in denen wir leben.“
Ja, das sind die Zeiten – und das ist eins ihrer Probleme: dass sie als einzige Art der öffentlichen Darstellung nur mehr die Art von Darstellung kennen, die den schematischen Gesetzen der Medien gehorcht. Und dabei sind scheinbar alle gleich: Peiniger und Gepeinigte, Opfer und Täter/Täterinnen – was zählt, ist das Potential markt-medialer Verwertbarkeit, ist die Fähigkeit zu Story, Bild, Titelbild. Und potentielle Titelbilder sind diese Macht-Fotos alle.

 

Da gräbt sich als Sicht-Weise die „Neben-Botschaft“ der Power-Platons tiefer und via Umzingelung fast physisch ein: denn der Präsident von Südkorea ist ein Mann und der Präsident der Malediven ist ein Mann und der Präsident von Osttimor ist ein Mann und der Premierminister von Japan ist ein Mann und der Premierminister von Kenia ist ein Mann und der Premierminister der Türkei ist auch ein Mann und die Chefs von Iran, Irak, Pakistan sind Männer und die von Polen, Kroatien, Serbien auch so wie die von Costa Rica, Kolumbien, Mexiko, Paraguay, Haiti usf. „In der Politik und unter Entscheidungsträgern sind Frauen nach wie vor völlig unterrepräsentiert. Nur 10% der Staats- und Regierungschefs und nur ein Fünftel der Parlamentarier weltweit sind Frauen. Die kritische Marke von 30%, die eine bestimmte Gruppe erreichen muss, um wirkliche Veränderungen bewirken zu können, wurde bislang nur in 28 Ländern weltweit erreicht oder überschritten.“ (Michelle Bachelet, Geschäftsführende Direktorin UN Women, von 2006 bis 2010 als erste Frau Staatspräsidentin von Chile)

 

Da ist es vielleicht nur folgerichtig, dass von den Macht-Gesichtern dieser Mächtigen vor allem ein menschliches Detail nachhaltig in Erinnerung bleibt: die Augenbraue. Denn die Platon-Ausstellung enthält unglaubliche Brauen, die wie harter, wilder Wald hinter Brillenrändern hervor- und zwischen Augen ineinanderwachsen (und unsere heimische Super-Braue HBP Heinzi ist auch dabei!), sodass man beim Gedanken an deren Bändigung nicht an handliche Pinzetten, sondern an Trimmgeräte in der Dimension von Rasenmähern denkt.

 

So Eindruck können Umwege machen.

 

Die „Gesichter der Macht“ gibt es in limitierten Abzügen über die Galerie auch zu kaufen – bleibt die Frage: wer sich, und wo, um 9.000,– Euro einen Gaddafi aufhängt?