KLANGSPUREN SCHWAZ

SOFIA GUBAIDULINA COMPOSER IN RESIDENCE 2017

Mit Sofia Gubaidulina als Composer-in-Residence der KLANGSPUREN 2017 steht die diesjährige INTERNATIONALE ENSEMBLE MODERN AKADEMIE im Zeichen der Begegnung mit einer der bedeutendsten Komponistinnen und charakteristischen Stimmen der Gegenwartsmusik. Bereits seit den 1960er Jahren verwirklicht diese bescheiden auftretende Musikerin unnachgiebig ihre faszinierenden und ausdrucksstarken musikalischen Visionen – trotz über weite Strecken entbehrungsreichen Lebens und sowjet-ideologischer Bedrängnisse. Erst in den 1980er Jahren war es ihr möglich geworden, auch im westlichen Ausland in Erscheinung zu treten, um dann Anfang der 1990er Jahre ihren längst fälligen internationalen Durchbruch zu erleben. Seither ist sie von den großen Konzertbühnen der Welt nicht mehr wegzudenken. Große Interpreten wie Gidon Kremer, Yuri Bashmet oder Yo-Yo Ma haben ihre Musik einst in die Welt hinaus getragen. Heute zählen auch herausragende junge Künstler wie Emmanuel Pahud, Sergio Azzolini, Vadim Repin, Antoine Tamestit oder Nicolas Altstaedt zu ihren Interpreten.

 

Als Tochter eines tatarischen Vaters und einer russischen Mutter 1931 in Tschistopol geboren, verlebte Gubaidulina ihre Kindheit und Jugend in Kasan, der an der Wolga gelegenen Hauptstadt Tatarstans, und absolvierte später ein Studium in Moskau. Dort verbrachte sie als freischaffende Komponistin und Improvisationsmusikerin drei Jahrzehnte ihres Lebens, bis sie sich 1992 dazu entschloss, nach Deutschland zu emigrieren, wo sie heute in einem kleinen Dorf bei Hamburg lebt. Von eigensinnigen Musikern wie Maria Yudina und Andrei Volkonsky inspiriert und von Dmitri Schostakowitsch in ihrer unangepassten Haltung bestärkt, brachte sie mit Kollegen wie Alfred Schnittke oder Edison Denisov eine zweite russische Musikavantgarde (nach jener der 1920er Jahre) zur Blüte. Für ihr bis heute anwachsendes, imposantes Lebenswerk erhielt sie viele Ehrungen, wie etwa den japanischen Praemium Imperiale, den Polar Music Prize, den Europäischen Kulturpreis oder den Goldenen Löwen der Biennale von Venedig.

 

Da Gubaidulina die zunächst eingeschlagene pianistische Laufbahn abbrach, um sich ganz ihrem Kindheitstraum des Komponierens zu widmen, sie daher auch nie regulär Unterricht erteilt hat, ergibt sich für die IEMA-Teilnehmer die rare Gelegenheit, am immensen Erfahrungsschatz dieser großen Künstlerin und Zeitzeugin teilzuhaben. Seit Anbeginn ihrer Laufbahn hat sie sich intensiv neue musikalische Möglichkeiten und ein großes Repertoire kompositorischer Techniken erschlossen. Unermüdliche Experimentierfreude und menschliche Neugier, der Gestalt- und Beziehungsreichtum ihrer Musik, die irritierenden Wechselspiele zwischen vertrauten Gesten und klanglichem Neuland in oft unkonventionellen Besetzungen, die meist aus der Stille hervorwachsenden, mal sich zu ekstatischem Jubel aufschwingenden, mal katastrophische Wucht entfaltenden Dramaturgien ihrer Werke – dies alles wird von Gubaidulina tief empfundenen außermusikalischen Botschaften dienstbar gemacht. So entsteht eine im besten Sinne spirituelle Musik von existentieller Tragweite und großem emotionalen Reichtum, die von tiefer Religiösität und Humanität ebenso kündet wie von kultureller Vielschichtigkeit und tiefer Verwurzelung in der Tradition. Werke aus verschiedenen Schaffensperioden werden im Festivalprogramm von KLANGSPUREN 2017 davon eindrucksvoll Zeugnis ablegen.